„Außerhalb Deutschlands zu studieren, habe ich mir immer schon gut vorstellen können", erzählt der junge Mann aus Hobstin in der Nähe von Lübeck. „Als ich in einem Beratungsgespräch in Hamburg von der Möglichkeit erfuhr, in Holland auf Englisch eine Mischung aus BWL und VWL zu studieren, habe ich gleich eine Bewerbungsmappe hingeschickt."
Da Niederländisch für die englischsprachigen Studiengänge keine Voraussetzung ist und Jonas Englisch im Abi hatte, wurde er auch ohne TOEFL-Test genommen. (Der „Test of English as a foreign language" ist ein international akzeptiertes Instrument zur Bewertung der Kenntnisse der englischen Sprache). Worüber er sich vor allem deshalb freut, weil die Wirtschaftsstudiengänge der niederländischen Unis international einen guten Ruf genießen. Knapp zehn Prozent der 25.600 Studierenden der Rijksuniversiteit Groningen sind Ausländer - aus 113 unterschiedlichen Ländern. Die meisten der um die 650 Deutschen hier studieren Psychologie.
Internationale Freunde, billiges Bier und Flair
"In meinem Studienfach gibt es nur 15 Deutsche", sagt Jonas Kroschewski, der jetzt im dritten Semester ist. Aber das störe ihn wenig, denn gerade der internationale Charakter seines Freundeskreises gefalle ihm gut. Auch das Flair der alten Hanse- und Studentenstadt Groningen und das vergleichsweise billige Bier. Viel Zeit zum Ausgehen bleibt ihm allerdings nicht. Er hat es in den letzten eineinhalb Jahren kein einziges Mal bis zum Strand geschafft - obwohl der nur 40 Kilometer von der Uni entfernt ist. Dafür sei das Studium einfach zu straff organisiert, erklärt der Student. „Jedes Semester besteht aus zwei Blöcken à zehn Wochen. Nach jedem Block gibt es drei bis vier Klausuren." Da sitze man häufig nicht nur jeden Tag von neun bis fünf in der Uni, sondern auch noch nach dem Abendessen in der Bibliothek und opfere das ein oder andere Wochenende.
Deadline ist nicht gleich Deadline
Dennoch genießt er sein Studium, in dem viel Wert auf Gruppenarbeit und praktische Anwendung des Erlernten gelegt wird. In Haus- und Projektarbeiten, vor allem aber in Fallstudien, die sich etwa mit den Verkaufsstrategien internationaler Firmen beschäftigen, lernen die Studierenden, sich Wissen selbstständig zu erarbeiten. „An die Gruppenarbeit bin ich erst sehr deutsch herangegangen", sagt Jonas Kroschewski mit einem Schmunzeln, „die Niederländer hingegen haben Deadlines (Termine) für Abgaben nie als wirklich bindend angesehen." In der Praxis habe sich erwiesen, dass sie damit Recht hatten - zumal ja auch die meisten Dozenten Niederländer seien.
Im fünften oder sechsten Semester wird Jonas Kroschewski sein verpflichtendes Auslandssemester absolvieren, vielleicht in Kanada, Skandinavien oder in Hongkong. Direkt im Anschluss will er einen Master machen, um sich weiter zu spezialisieren. Das kann, muss aber nicht in Groningen sein. Und später? Später würde er gern in einem internationalen Unternehmen arbeiten, vielleicht in der Entwicklungshilfe. Die GTZ, die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit, wäre ein möglicher Arbeitgeber.